"Wenn er akut depressiv war, dann war das eine schwere Zeit, weil ihm der Antrieb gefehlt hat und die Hoffnung auf Besserung." Teresa Enke
Ich kannte Robert Enke nicht persönlich. Nie hab ich ihn getroffen, selten gesehen. Ich wusste nur, dass er ein talentierter Torhüter war, der seit fünf Jahren bei Hannover 96 spielte. Fünf Jahre bei einem Verein, der meistens im bedeutungslosen Mittelfeld der deutschen Bundesliga zu finden ist. Robert Enke schaffte es trotzdem in das deutsche Nationalteam und für mich war es nur eine Frage der Zeit, bis er den Niedersachsen den Rücken kehrt und es bei einem größeren deutschen Verein versucht. Doch er blieb. Und spielte weiterhin um Platz 9 und gegen Platz 14. Robert Enke stand in meinem Verständnis für Stabilität, für Durchhaltevermögen, für Bodenhaftung. Am Dienstag nahm er sich das Leben, sprang vor einen heraneilenden Regionalzug. In seinem Abschiedsbrief entschuldigte er sich bei seinen Angehörigen.
It's the one who won't be taken,
who cannot seem to give,
and the soul afraid of dyin'
that never learns to live.
Ich glaube, dass es eine zutiefst menschliche Regung ist, Anteil zu nehmen. Manche intensivieren diese Regung, manche versuchen vor ihr zu fliehen. Entscheidet man sich für die Anteilnahme, entscheidet man sich automatisch dafür, sich Gedanken zu machen. Gedanken über die Hintergründe dieses Todes. Gedanken über Depressionen, Gedanken über Depressionen im Fußball. Wenn DFB-Präsident Theo Zwanziger, zu dem man stehen kann wie man will, vor zehntausenden trauernden Menschen in der Hannoveraner Arena sagt, dass "Fußball nicht alles ist", muss man ihm natürlich uneingeschränkt recht geben. Gleichzeitig sollte man an die Worte von Roberts Frau Teresa denken, die sehr bald nach dem tragischen Ereignis davon sprach, dass der Fußball ihrem Mann immer wieder Kraft gegeben hat.
Es ist berechtigt, am Profifußball in vielen europäischen Ländern zu zweifeln. Horrende Transfersummen lassen die Kicker jeglichen Bezug zur Realität verlieren, die ständige mediale Aufmerksamkeit trägt das Ihre zur Scheinwelt Fußball bei.
Den Fall Robert Enke sollte man als Anlass nehmen, endlich offen über Ethik im modernen Fußballgeschäft zu sprechen. Tabuthemen müssen aufgebrochen werden. Es muss bewusst gemacht werden, dass es homosexuelle Fußballer ebenso gibt wie es depressive und drogenabhängige Fußballer gibt. Man konnte in den letzten Tagen viele Artikel lesen, in welchen der "Mensch hinter dem Fußballer" zum Vorschein gebracht wurde. Sind wir wirklich an einem Punkt angekommen, wo uns das von irgendwelchen Leitartiklern mitgeteilt werden muss? Darf sich ein Fußballer keine menschliche Schwäche mehr erlauben, nur weil er idiotischerweise in einem Jahr 13 Millionen Euro kassiert (wovon geschätzte 12,7 Millionen in die Tasche von sieben Managern fließen)?
Es muss endlich eine neue Öffentlichkeit auf allen Fußballplätzen dieser Welt kreiert werden. Eine Öffentlichkeit, die aufgeklärter ist, die toleranter ist und die bereit ist, einen Blick über den Elfmeterpunkt hinaus zu werden. Ansonsten wird der Fußball sehr bald zur Farce werden und Schicksale wie jenes von Robert Enke zur Normalität.
Robert Enke war krank, sehr krank. Er verlor seine Tochter, als sie zarte zwei Jahre alt war. Der deutsche Schauspieler Michael Jäger litt ebenso an Depressionen, war selbst knapp vor dem Ende. Seine entscheidenden Minuten beschrieb er so: "Ich war in der Situation, meine letzten Zigaretten zu rauchen. Und als ich bei der Zigarette für die Kinder ankam, entschied ich mich nicht zu springen."
Robert Enke halfen auch die Zigaretten nicht mehr, so er jemals zu einer gegriffen hat.
R.I.P

Bild: flickr.com, markunti
